Slideshow

Die Klosterschule

In Marienberg gab es nach dem Klosterchronisten Goswin (verstorben Anfang der 90-er Jahre des 14. Jahrhunderts) bereits im Mittelalter eine kleine Schule, an der vor allem Latein und Musik unterrichtet wurden. Aus dem 15. Jahrhundert bis Mitte des 16. Jahrhunderts berichten die Quellen allerdings nichts von dieser Bildungseinrichtung. 1556 wurde unter Abt Martin Abart eine Schule neu oder wieder errichtet, die unter Abt Matthias Lang (1615-1640) eine neue Blüte erfuhr. 1724 wurde unter Abt Johann Baptist Murr das Benediktinergymnasium Meran gegründet, das nach kurzer Unterbrechung in der Zeit der bayerischen Besetzung bis zum Jahre 1928 bestand, als es auch auf politischen Druck durch die faschistischen Behörden seine Tätigkeit einstellen musste.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde im Kloster eine fünfklassige Schule (Lateinmittelschule und 2 Jahre Gymnasium) eingerichtet, die mit dem Schuljahr 1946/47 mit einer 1. Klasse mit 11 Schülern ihre Unterrichtstätigkeit aufnahm. Ziel dieser Schule war

Schuljahr 1946-47

es, der Jugend christliche Werte zu vermitteln, auch natürlich mit der Hoffnung auf geistliche Berufe und auf Nachwuchs für das Kloster. Die Gründung dieser Schule war eine große soziale Tat der Marienberger Mönche: viele Burschen vor allem aus dem Vinschgau, dem Passeier-und Ultental erhielten damit die Chance zu einem Studium, wobei vorwiegend Kinder aus armen Familien fast um Gottes Lohn aufgenommen wurden.

1966 wurde die Schule auf die dreiklassige Mittelschule reduziert, die allerdings nach dem Schuljahr 1985/86 ihre Tätigkeit einstellte. Grund für die Auflassung war neben wirtschaftlichen und personellen Fragen vor allem die Errichtung der Einheitsmittelschulen in verschiedenen Orten des Vinschgaus, sodass die Weiterführung der Marienberger Schule nicht mehr sinnvoll war.

 

 

Klosterschüler lernen Italienisch

Firenze – Empoli – Poggibonsi – Siena. Das war das letzte Teilstück mit dem Zug von Prettau nach Siena in jenem Sommer 1962, in dem ich – und Michl Ennemoser von Moos in Passeier – von Abt Stephan Pamer nach Siena geschickt wurden, um an der Universita’ per Stranieri Italienisch zu lernen.

Wir haben die Mittelschule in Marienberg besucht, noch in der alten Form, und hatten anschließend die 4. Klasse Gymnasium hinter uns gebracht. Michl war in Marienberg, weil die Benediktiner mehrere Pfarreien im Passeier leiteten. Mich brachte ein Holzhandel dorthin. Schließlich trennten die Orte Burgeis und Prettau mehr als 200 Kilometer voneinander. Der Vater meiner Volksschullehrerin, ein bekannter Holzhändler aus dem Pustertal, hatte von den Marienbergern eine Holzpartie gekauft. So erfuhr meine Lehrerin von der Existenz der Marienberger Klosterschule. Ihr Bruder wurde ein Jahr vor uns dort eingeschrieben, und eben ich und ein weiterer Bub aus Prettau haben uns dann auf den Weg in diese Klosterschule gemacht.

Buben aus dem oberen Vinschgau, aus einigen Pfarreien des Passeiertales und wir drei Buben aus Ehrenburg/Kiens und Prettau fanden zusammen. Zahlenmäßig eine Vinschger Mehrheit, ein Dutzend Pseirer Buben und wir: ein Schmelztigel aus Dialekten. Das hatte damals eine ähnliche Wirkung wie heute die Eingliederung von Ausländern. Und mit der Zeit hat man sich angepasst und hat gleichzeitig verstanden, dass die geografische Herkunft uns mehr unterschied, als es die Dialekte taten. Die Vinschger, die Pseirer und die Pusterer Welt!

Was wir lernten, wurde mit dem Wort Lateinmittelschule bezeichnet. Der Schwerpunkt Latein war synonym mit dem Kloster und dem Interesse für Nachwuchs. Wo das Schulsystem schwächelte, war der Unterricht im Italienischen. Da wurden meine Lücken aus der Volksschule mit jährlichem Lehrerwechsel weitergezogen. Einer konnte sich in unserer Klasse überhaupt nicht durchsetzen. In seiner Not behalf er sich damit, Fünfer und Vierer an den Rand der Grammatikbuchseite zu schreiben, die wir gerade durchmachten. Innerhalb einer Stunde entstanden so ganze Kolonnen von negativen Bewertungen, wobei er vergaß, die dazugehörigen Namen zu schreiben…

Schließlich gab Pater Dominikus Italienisch, der vom Fersental nach Marienberg gekommen war. Auch ihn haben wir wegen seiner geringen Körpergröße und wegen seines italienisch klingenden Deutsch wenig ernst genommen, und Disziplin und Lerneifer waren gering, während uns in den anderen Fächern durchaus gezeigt wurde, was ernsthafter und anspruchsvoller Unterricht bedeutete. Trotzdem habe ich bei Dominikus wichtige Lernschritte gemacht: bei ihm traute ich mich nachzuschauen, was ein Mönch unter der Kutte trägt. Dafür fasste ich eine schallende Ohrfeige und lernte den Unterschied zwischen Wissenserwerb und Neugierde. Er brauchte die Bleistifte mit Hilfe einer metallenen Kappe vollständig auf. Und auf einem Blatt Papier hat er die dreifache Menge an Text untergebracht wie unsereins. Ressourcen sparen! In seinen späteren Jahren hat er die Marienberger Wetterstation geführt und so dazu beigetragen, eine der ältesten Wetterdateien Südtirols a jour zu halten.

So landeten wir schließlich – inzwischen auf drei Gymnasiasten zusammengeschmolzen – in der 4. Klasse, in welcher zusätzlich zu den anderen Fächern massiv Griechischunterricht vorgesehen war. Die Lücken in Italienisch haben wir weiterhin fleißig mitgeschleppt.

Da entscheidet Abt Stephan Pamer, eine Rosskur anzuwenden: Michl und ich sollten im Sommer für fünf bis sechs Wochen nach Siena und dort an der Universitá per Stranieri endlich Italienisch lernen. Auf Kosten des Klosters!

Da fahre ich also im Juli am vorgesehenen Tag von Prettau in aller Herrgottsfrühe los, in Bozen stößt Michl dazu, und ein direkter Zug bringt uns nach Florenz. Für mich Jugendlichen, sechzehnjährig, eine Reise vom Hundskehljoch in die weite Welt.

Umsteigen in Florenz. Es bedeutet auch umsteigen im Kopf.

Schon klar, dass in Prettau wie auch in Marienberg nur die Kirchenglocken laut zu hören waren – zu den festgesetzten Anlässen; die Geräuschsymphonie dieses großen Bahnhofs war uns eine ganz neue Erfahrung. Das Schleifen der Zugräder auf den Gleisen, die heiseren Pfeiftöne der ankommenden Züge, die Trillerpfeife des Vorstehers und das Zuschlagen der Zugtüren, die überspringenden Entladungen an den Oberleitungen, die Lautsprecheransagen, akustisch schlecht und für uns sowieso kaum verständlich, die ungewohnte Sprechweise und nur Italienisch, die vielen Menschen und gar einige dunklerer Hautfarbe; und dazwischen wir zwei, von weitem sah man uns die Landluft an, und was für eine Landluft.

Umsteigen. Umsteigen im Kopf.

Haben wir ein Brot gekauft oder hat uns das Elternhaus versorgt für die Reise, das weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls wussten wir Empoli, Poggibonsi, Siena. Noch ein gutes Stück Zugstrecke, die Stationen dahin haben sich eingeprägt, ist ja jetzt fünfzig Jahre her, wie mit einer Markierungszange eingeprägt.

Eigentlich waren wir nicht imstande, alle Eindrücke bewusst aufzunehmen. Erst später, bei ähnlichen Reisezielen habe ich mich erinnert, da war ich ja schon, diese Landschaft, zuerst das Etschtal, die Poebene und dann von Florenz südwärts diese toskanische Landschaft, das Braun der Äcker und Wiesen mitten im Sommer, die Zypressengruppen auf den Hügeln und entlang kurviger Wege, die weitausladenden Pinien, dann wieder ein Weinacker und weit und weit die Strohballen, ein Reichtum in meinen Augen, und die Bauernhäuser und Ansitze mit den Palmen auf den Kämmen und Hügeln. Jahre danach erst habe ich mich erinnert, da war ich schon, davon kann ich jetzt erzählen.

Am späten Nachmittag erreichen wir Siena. Wer wohl hat uns in die Stadt hinaufgebracht zu den Carmelitani Scalzi? Mönche, auch sie der Regel nach Benedikt verpflichtet, barfüßig, das südliche Klima erlaubt es ihnen. Es ist ein Kloster, nach außen hin bescheiden, die Kirche ist nicht prunkvoll; die frischesten Blumen stehen in der Vase vor der kitschigen Madonnenstatue, aber sonst sind Kirche und Kloster durch und durch gediegen. Die Klostergemeinschaft besteht aus drei Patres, alle schon etwas in den Jahren, das Kloster ist heute aufgelassen. Fra Cristoforo ist unser Mentor, aber bei unseren Dingen mit der Universitá per Stranieri helfen uns auch zwei Schweizer Theologiestudenten, die ebenfalls hier logieren und Sommerkurse und Urlaub machen.

Die Kursleitung der Universität hat gleich gemerkt, dass wir nicht die rechte Vorbildung für den ausgewählten Kurs hatten, und hat uns in eine Familie vermittelt, wo die Frau Deutsche war; aber mein Prettauer Sturschädel hat dies nicht angenommen, und ich habe darauf bestanden, den Originalkurs zu besuchen. Auf diese Weise haben wir eine Einführung in die Anfänge italienischer Literaturgeschichte genossen und so den Dolce Stil Nuovo, Petrarca, Boccaccio und Dante kennengelernt, alles eher als modernes Italienisch!

Da saßen wir zwei also neben Mädchen, Frauen, Männern jeden Alters, bis siebzig, so schien es uns, wie Fremdkörper im Kurs neben Engländern, Franzosen, Spaniern und was weiß ich noch für Nationalitäten, wir zwei deutsch – italienische Staatsbürger, und irgendwie haben wir nirgends dazugehört. Auch zum Kurs nicht, denn Sprachunterricht war damals eine unbekannte Kunst…. Aber ein gutes Jahr später war ich den Mitschülern dann voraus mit der Einführung in die Literaturgeschichte; Konversation machen, das hätten wir sicher in der Familie besser lernen können. Mir schien damals, ich müsste darauf bestehen, den Kurs zu besuchen, für welchen wir angemeldet waren!

In Siena haben wir den Rhythmus der Mönche gelebt, sind mit ihnen aufgestanden, allerdings nicht so zeitig wie in Marienberg – wie überhaupt die ganze Lebensführung einige Grade gemütlicher verlief, haben dem Fra Cristoforo ministriert, gemeinsam die Mahlzeiten eingenommen und sonst dem Haushälter-Ehepaar Lucia und Giuseppe geholfen. So habe ich Oliven, das gute Öl, Gemüse und Salate richtig kennengelernt. Und am Nachmittag trotz größter Hitze – Siesta waren wir zwei nicht gewohnt – haben wir uns vor die Tore der Stadt ein Stück weit in die Landschaft bewegt und dabei nicht nur die ersten wirklich riesigen Wassermelonen entdeckt, sondern auch am Umsetzerhäuschen gelesen und mühsam übersetzt, dass bei Siena mit Erdwärme Strom gemacht und geheizt werden kann. Eine staunenswerte Welt. Den Kurs, das Klosterleben und unsere Entdeckungslust haben wir ganz gut unter einen Hut gebracht und hatten den Eindruck, für alle Tätigkeiten trotzdem mehr als genug Zeit zu haben. Nur das Einzelzimmer, die Zelle, die ich bewohnt habe, das erste Einzelzimmer in meinem Leben, hat mir eher Angst gemacht.

Die Wucht meiner Gefühle, als ich zum ersten Mal vor der Domfassade gestanden habe, ist mir ebenso in Erinnerung wie die Tatsache, dass der bestehende Dom sozusagen als Querschiff konzipiert war. Ich wurde ein glühender Anhänger Sienas. Und vor den Gemälden im Palazzo dei Comuni habe ich zutiefst bedauert, dass die Florentiner über die Senesen schließlich die Oberhand gewonnen haben. Vergänglich sind Größe und Macht…

Wir haben auch einen Palio erlebt, hautnah. Am Vorabend hat uns Fra Cristoforo zum Segnungsfest des Rennpferdes zur Kapelle und dem Gemeinschaftshaus der Contrada mitgenommen. Das Ross wurde wie ein Heiligtum behandelt, ein mehr als üppiges Buffet war aufgebaut, auch das eine erste Erfahrung, und so ist klar, dass ich ein Anhänger der Contrada della Chiocciola – da lag das Karmeliterkloster in der via Diana – geworden bin.

Geschichtsbewusstsein und lokales Brauchtum habe ich auf diese Weise gewonnen und erlebt in diesen Wochen. Dass gleichzeitig die Südtiroler Geschichte mit den Anschlägen, die Pusterer Buben – das war immerhin Ahrntal –an mir völlig vorbeigegangen war, ist mir aus der heutigen Sicht unerklärlich. In Marienberg war ja selbst das katholische Sonntagsblatt in den ersten Jahren nicht aufgelegt worden, und die Lehrpläne für Geschichte endeten noch Jahrzehnte danach an den Oberschulen mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Zeitgeschichte war offenbar eher verpönt, und im Elternhaus habe ich davon auch nichts erfahren.

Die Harmonie der Bauten und Plätze hat sich eingeprägt und ist uns schließlich zur Selbstverständlichkeit geworden. Vom schönsten Platz der Welt, dem senesischen Campo, zum Domplatz von Pisa, wohin ein letzter Ausflug des Sommerkurses uns führte, wurden uns Pracht, Schönheit und Harmonie vorgeführt und mit der Zeit vertraut: Das Italien hier empfand ich als ein völlig anderes, ein angenehmes, ein irgendwie lebenskluges Land mit Menschen, mit denen auszukommen war. In Südtirol hatten wir bisher ein völlig anderes Italien gekannt, und es verwunderte nicht, dass wir die Sprache der Herrschaft nicht liebten und daher nicht lernen wollten.

Schließlich ging unser Aufenthalt in Siena dem Ende zu. An die Verabschiedung und die Heimfahrt habe ich keine Erinnerung mehr. Mit dem Italienischen stand ich zwar weiter auf schwachen Beinen, aber irgendwie war da etwas verändert, ich habe mich gegen das „Lückenhafte“ zur Wehr gesetzt und nach und nach meine Kenntnisse verbessert, wenngleich dazu noch vier, fünf Jahre notwendig waren, bis in den Hochschulaufenthalt in Padua hinein.

Und was sicher war, ich hatte durch die Entscheidung für Marienberg als Ausbildungsort Erfahrungen gesammelt, die im Rückblick Privilegien geworden sind.

Peter Duregger

Meran, Monterosso, Juli 2012

Meine Lehrerin war die Rubner Rosa, damals hat sie ihr erstes Unterrichtsjahr nach der Ausbildung als kaum zwanzigjähriges junges Mädchen geleistet. Ihr Vater war in Kiens im Holzgeschäft tätig. Später verheiratete sie sich mit Prof. Wolfgang Röd, Philosophieprofessor in Innsbruck.